
Ein Essay über die ideale Erziehung von Kindern

Wie Kinder heutzutage erzogen werden sollen, ist immer wieder ein strittiger Punkt, auch in Zeitungen. Oft wird darüber diskutiert, ob die Kindererziehung früher besser war und dass ältere Generationen ihre Kinder strenger erzogen haben. In einem Interview der Zeitschrift «Das Magazin» wurde der Schweizer Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach zu dieser Diskussion befragt. Laut Reichenbach wollen Eltern heutzutage zu sehr von ihrem Kind geliebt werden. Dies sei aber pädagogisch schwierig (Z. 6–7). Früher seien die Eltern weniger abhängig von der Liebe ihrer Kinder gewesen (Z. 6). Dennoch wünscht sich Reichenbach nicht den Erziehungsstil der älteren Generationen zurück. Dabei stellt sich mir die Frage, ob der Erziehungsstil heute zu locker ist. Vielleicht sollten Eltern sogar wieder autoritärer sein?
Kinder brauchen zwar autoritäre Stimmen, die ihnen den Weg weisen, aber grundsätzlich sollten Eltern ihre Kinder unterstützen, und auf dem Weg des Erwachsenwerdens begleiten. Ich bin der Ansicht, dass es nichts nützt, den Kindern zu befehlen, was genau sie tun oder lassen sollten. Vielmehr sollte man ihnen helfen, eigene Entscheidungen zu treffen, und sie darauf hinweisen, was die potenziellen Auswirkungen dieser Entscheidungen sein könnten. Denn wenn man dem Kind befiehlt, etwas zu tun, wird es dies oft gerade nicht tun wollen oder wird die für es getroffene Entscheidung später bereuen. Da die Entscheidung nicht vom Kind selbst stammt, und somit nicht wirklich die vom Kind gewollte war, was dann langfristig zu Unzufriedenheit führt. Immer wieder habe ich als Kind erlebt, dass meine Eltern mir gesagt haben, ich solle doch diesen und jenen Sport ausprobieren, oder dieses Kleidungsstück kaufen, und nicht jenes. Dieses Aufzwingen von Meinungen und Vorschlägen hat bei mir jedoch auch immer zur gegenteiligen Entscheidung geführt. Dieses Beispiel zeigt, dass ein zu autoritärer Eingriff nicht zu Gehorsamkeit, sondern zu Widerstand führt.
Eine Erziehung, die Kindern Entscheidungen abnimmt, erscheint mir zudem problematisch. Solch eine autoritäre Erziehung schafft zwar kurzfristig Ordnung, verhindert jedoch, dass Kinder lernen, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. Auch nimmt man ihnen so die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen und aus resultierenden Fehlern zu lernen. Eine lockere Erziehung bedeutet in diesem Zusammenhang jedoch nicht, dass man die Kinder sich selbst überlässt, sondern dass man sie beim Entscheiden begleitet. Dadurch entwickeln sie ein Gespür für Konsequenzen. Fehler sind dabei nicht weiter tragisch, sondern ein notwendiger Teil des Lernprozesses. Eltern, die in solchen Momenten unterstützend eingreifen, statt autoritär zu entscheiden, bereiten ihr Kind langfristig auch auf ein selbstständigeres Leben vor. Denn wer als Kind ständig geführt wurde, hat als erwachsener Mensch Schwierigkeiten, in der Welt zurechtzukommen. Beispielsweise im Berufsleben oder im privaten Alltag. Eine autoritäre Erziehung fördert also nicht Sicherheit, sondern unterdrückt Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.
Trotzdem wäre es nicht richtig, aus der Kritik an der autoritären Erziehung zu schliessen, dass Eltern auf jegliche Form von Autorität verzichten sollten. Eine Erziehung, die Kinder ganz sich selbst überlässt, ist nicht locker, sondern verantwortungslos. Gerade in Situationen, die erhebliche Gefahren für die Kinder bergen, und solchen, die schwerwiegende Langzeitfolgen mit sich tragen könnten, sollten Eltern klare Grenzen setzen. Eltern sollten eingreifen, wenn das Handeln der Kinder langfristige negative Konsequenzen mit sich zieht oder anderen schadet. Beispielsweise bei Mobbing in der Schule oder bei anderem riskanten Verhalten wie dem Konsumieren von Drogen. Sollten Eltern hier nicht eingreifen, überlassen sie Kinder Situationen, denen sie noch nicht gewachsen sein können. Eine lockere Erziehung bedeutet also nicht, dass man den Kindern grenzenlose Freiheit gewährt, sondern dass man sie in Situationen führt, wo diese Freiheit ein grosses Risiko mit sich tragen würde.
Laut Reichenbach seien viele Eltern auch abhängig von der Liebe ihrer Kinder (Z. 6). Diese Liebesbedürftigkeit zeigt sich dadurch, dass Eltern alles tun, um Zuneigung ihrer Kinder zu erhalten. Dies führt dann dazu, dass Konflikte vermieden werden und wichtige Grenzen nicht gesetzt werden. Eltern, die ihren Kindern gefallen wollen, laufen Gefahr, dass sich das Machtverhältnis verschiebt. Sie lassen sich von den Kindern kontrollieren und machen alles, was die Kinder von ihnen verlangen. Daraus folgt, dass die Kinder nicht lernen, mit einem klaren Nein umzugehen, oder damit keine Entscheidung treffen können. Kinder lernen also nicht, mit klaren Grenzen zurechtzukommen. Es zeigt sich also, dass auch eine extrem lockere Erziehung problematisch ist.
Für mich wird hiermit klar, dass eine stark autoritäre Erziehung fast keine Vorteile mit sich bringt. Vielmehr sollte man sein Kind auf dem Weg zum Erwachsenwerden unterstützen und ihm Ratschläge geben, damit es dann selbst Entscheidungen treffen kann. Allerdings darf eine lockere Erziehung auch nicht mit völlig grenzenloser Freiheit verwechselt werden. Demzufolge ist ein kleines Mass an Autorität dennoch wichtig, damit das Kind nicht überfordert wird. Entscheidend ist also ein bewusster Umgang mit Freiheit und Grenzen.