
Lassen sich Umberto Ecos Merkmale des Ur-Faschismus auch in fiktionalen Werken wiederfinden? Dieser Blog untersucht anhand der Merkmale von Eco, inwiefern sich faschistische Strukturen im Imperium aus der Filmreihe Star Wars erkennen lassen, und was das bedeutet.

Als abschliessendes Thema des Deutschunterrichts haben wir uns in den vergangenen Unterrichtseinheiten mit dem Faschismus beschäftigt. Dazu haben wir unter anderem eine Rede von Umberto Eco analysiert, in der er 14 Merkmale erläutert, die den Ur-Faschismus ausmachen. Im ersten Teil dieses Blogs werde ich vier dieser Merkmale näher erklären. Anschliessend werde ich analysieren, welche Merkmale des Ur-Faschismus nach Umberto Eco in der Filmreihe Star Wars zu erkennen sind, da das Imperium in den Filmen von faschistischen Staaten des 20. Jahrhunderts inspiriert ist. Daher werde ich im zweiten Teil des Blogs einerseits erklären, wie die vier Merkmale in Star Wars zu finden sind, und andererseits diskutieren, was das Erkennen der Merkmale bedeutet und ob damit bewusst eine politische Botschaft vermittelt wird.
Die vierzehn Merkmale, die den «ewigen Faschismus» auszeichnen, stammen aus einer Rede, die Eco 1995 hielt. Dabei schildert er unter anderem, wie er im faschistischen System Italiens aufgewachsen ist. Eco hat die Auswirkungen des Systems also selbst erlebt, war als Kind Teil davon und konnte so Merkmale herausarbeiten, die in verschiedenen faschistischen Systemen auftreten. Ihm geht es dabei nicht um eine feste Definition des Faschismus, denn nicht alle faschistischen Systeme sind gleich, sie weisen aber alle Ähnlichkeiten auf. Deshalb spricht er auch vom «Ur-Faschismus» oder «ewigen Faschismus». Es geht also mehr um eine Sammlung von Merkmalen, die in unterschiedlicher Ausprägung verschieden stark in diesen Systemen vorkommen. Es müssen folglich auch nicht alle Merkmale erfüllt sein, damit ein Staat als faschistisch gelten kann. Deshalb werde ich hier auch nur diese Merkmale erläutern, welche im zweiten Teil relevant sein werden.
Das vierte und fünfte Merkmal in Ecos Liste besagt, dass im Ur-Faschismus Dissens als Verrat gilt. Kritik und Dissens werden also nicht zugelassen, denn dadurch wird Wissen vermehrt, was ein faschistisches Regime unbedingt verhindern will. Auch müssen alle Anhänger der Regierung bedingungslos loyal sein, sonst gilt man sofort als Feind. Als Beispiel dafür kann man beispielsweise den US-Präsidenten Trump nennen, welcher seine Minister entlässt, wenn sie sich gegen ihn stellen oder ihm widersprechen.
Ur-faschistische Systeme haben oft auch Obsessionen mit Verschwörungen (Merkmal 7) und verwenden diese, um die Bevölkerung zu manipulieren. Die Bevölkerung des Landes soll sich von äusseren Feinden und durch Verschwörungen von innen bedroht fühlen. Denn es werden automatisch Probleme im Land kommen. Diese werden dann so erklärt, indem verborgene Mächte konstruiert werden, gegen die man sich als Volk wehren muss, oder man versetzt das Land in einen permanenten Kriegszustand. Man sucht sich also Sündenböcke für die Missstände im Land und lenkt so von den eigentlichen Problemen ab. Im nationalsozialistischen Deutschland waren dies beispielsweise die Juden.
Das dreizehnte Merkmal von Ecos Vortrag handelt davon, dass der Ur-Faschismus auf selektivem oder quantitativen Populismus basiert. Dabei wird der Eindruck erweckt, als würde das Volk mit einer Stimme sprechen, obwohl eigentlich nur ein Teil oder bestimmte Meinungen herausgepickt werden, die in den ideologischen Rahmen der Regierung passen. Man nimmt also einen Repräsentanten aus der Bevölkerung, und tut so, als würde dieser die Meinung des gesamten Volkes vertreten. Gleichzeitig behauptet der Führer, dass er der legitime Sprecher des Volkes sei und dessen Wille vertrete. Daraus ergibt sich eine Ablehnung parlamentarischer Strukturen, welche als verrottet und korrupt dargestellt werden, weil es ja nicht verschiedene legitime Meinungen geben soll. Das Parlament und die Opposition werden so diskreditiert und unglaubwürdig gemacht.
Da es sich bei den vierzehn Merkmalen des Faschismus um typische Ähnlichkeiten handelt, lassen sie sich nicht nur auf reale politische Systeme anwenden, sondern auch auf fiktionale Darstellungen. So lassen sich einige Merkmale auch beim Galaktischen Imperium aus der Filmreihe «Star Wars» finden. Dieses wurde nämlich unter anderem von faschistischen Systemen wie dem nationalsozialistischen Deutschland inspiriert. Beim Imperium handelt es sich um ein autoritäres Regime unter der Regierung eines Imperators namens Palpatine. Dieser errichtet schrittweise aus einer Republik eine Diktatur. Ähnlich wie Adolf Hitler in Nazi-Deutschland kommt er nicht durch offene Gewalt an die Macht, sondern wird demokratisch gewählt. Zusätzlich entsteht das Imperium, wie auch das Dritte Reich, aus einer Krise heraus. Die Republik befindet sich in einem Krieg (den Palpatine selbst herbeigeführt hat) und gilt als schwerfällig und handlungsunfähig. Dadurch entsteht der Wunsch nach einem starken Mann, der Sicherheit und Stabilität bringt. Der Imperator erhält so immer mehr Macht und ruft dann schlussendlich das Imperium aus, da er die Republik von innen mit legalen Mitteln zerstört hat. Das Imperium beginnt dann, die Gesellschaft vollständig zu kontrollieren und oppositionelle Gruppen zu verfolgen.
Ein erkennbares Merkmal ist die Ablehnung von Kritik und Dissens (Merkmal vier und fünf). Im Imperium wird jeglicher Widerstand unterdrückt. Beispiele dafür lassen sich in Episode 4 finden. Die Rebellen werden als feindliche oppositionelle Organisation verfolgt und bekämpft. Auch die bedingungslose Loyalität zum Führer lässt sich in diesem Film erkennen. Darth Vader (Palpatines Nachfolger/Schüler) würgt während einer Konferenz einen Offizier, der ihm widerspricht, und sagt: «I find your lack of faith disturbing». Kritik oder Opposition werden also als Bedrohung gesehen, die ausgeschaltet werden muss.
Ein weiteres Merkmal ist die Obsession mit Verschwörungen (Merkmal sieben). Das zeigt sich in Episode 3. Die Jedi werden von Palpatine als Verräter dargestellt, die angeblich die Republik stürzen wollen. Er provoziert, von den Jedi verhaftet zu werden, und stellt sich anschliessend als Opfer eines versuchten Putsches dar. Es wird also ein Feindbild geschaffen, um Änderungen am System (Abschaffung der Demokratie) zu erklären, und das dient auch als Rechtfertigung für die Verfolgung und Vernichtung der Jedi.
Auch der selektive Populismus (Merkmal dreizehn) lässt sich erkennen. In derselben Rede, in der Palpatine die Jedi beschuldigt, behauptet er, durch die Abschaffung der Demokratie, im Interesse der ganzen Galaxie zu handeln und für "Sicherheit und Stabilität" zu sorgen. Er stellt seine Entscheidungen also als Ausdruck des Volkswillens dar und stellt sie so dar, als ob sie dem Wohl aller dienen. Auch erreicht Palpatine mit der Auflösung des Senats in Episode 4 die Beseitigung der letzten oppositionellen Stimmen.
Ist Star Wars jetzt aber bewusst politisch und was bedeutet das Erkennen der Merkmale von Eco? Vieles spricht dafür, dass George Lucas das Imperium auch als Warnung vor autoritären Systemen gestaltet hat. Er hat sich nicht nur an faschistischen Systemen inspirieren lassen, um geeignete Antagonisten zu entwickeln, sondern wollte damit auch aufzeigen, wie solche Systeme funktionieren und agieren. Denn es gibt in den Filmen und Serien viele Ähnlichkeiten und Anspielungen, die darauf hinweisen. Die Merkmale von Eco zeigen zudem, dass Lucas bei der Entwicklung des Imperiums faschistische Systeme genau analysiert hat, da man die Merkmale von Eco erkennen und nachvollziehen kann, was weiter darauf hinweist, dass Lucas auch eine politische Botschaft mitteilen wollte. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich George Lucas direkt an Ecos Merkmalen des Ur-Faschismus orientiert hat, da die ursprüngliche Star Wars-Trilogie bereits vor Ecos Vortrag erschienen ist. Wenn überhaupt, ist dies für die Episoden 1 bis 3 geschehen, denn diese kamen zeitlich nach dem Vortrag heraus. Das Erkennen der Merkmale des Ur-Faschismus zeigt viel mehr, dass man mit Hilfe Ecos Merkmalen faschistische Systeme erkennen kann, da sie alle gewisse Ähnlichkeiten aufweisen, und dass die Merkmale mit unterschiedlicher Ausprägung in diesen Systemen zu finden sind und auch nicht alle vorhanden sein müssen. Die Filme selbst sollen aber natürlich primär als Unterhaltung dienen und nur sekundär politische Strukturen aufzeigen.