
Moderne Literatur unterscheidet sich stark von der traditionellen Literatur. Die Novelle "Ein Doppelgänger" könnte modern funktionieren, bräuchte aber viele Änderungen.
Im Deutschunterricht haben wir im vergangenen halben Jahr die traditionelle und moderne Literatur behandelt. Dabei haben wir uns unter anderem mit den Strukturen des modernen Erzählens befasst, und Strukturelemente in der traditionellen und modernen Literatur verglichen. In einem ersten Schritt werde ich auf diese Strukturelemente eingehen. Im Rahmen dieses Literaturthemas haben wir auch die Bücher «Ein Doppelgänger» von Theodor Storm, «Die Butterblume» von Alfred Döblin und «Der Process» von Franz Kafka gelesen und in der Klasse analysiert und besprochen. Im zweiten Teil dieses Blogs gehe ich auf die Frage ein, ob «Ein Doppelgänger» auch als moderne Erzählung funktionieren könnte.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich die deutsche Literatur. Die traditionelle bürgerliche Literatur wurde zunehmend abgelehnt, denn die Welt befand sich im Wandel. Rasche Veränderungen in der Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur, erstaunten und überwältigten die Menschen. Die Welt befand sich in ständigem Wandel, wodurch man das Gefühl hatte, die Realität würde sich stark verändern. Die moderne Literatur reagierte auf diese veränderte Weltanschauung. Früher wurde in der Literatur vor allem der Inhalt betont und Sprache wurde oft nur als Mittel betrachtet, um den Inhalt zu übermitteln. In der modernen Literatur tragen jetzt aber alle Gestaltungselemente auch immer eine Bedeutung, was heisst, dass Form, beispielsweise die Sprache, und Inhalt eng miteinander verbunden wurden. Das vor allem, weil man eben diesen Wandel, mit der herkömmlichen Literatur, nicht mehr beschreiben konnte. Deshalb veränderten sich die Strukturelemente. Das sind die Bausteine eines literarischen Werks, die den inneren Aufbau und die Bedeutung des Werks bestimmen. Dazu gehören die Figurengestaltung, die Gestaltung der Erzählerin/des Erzählers, die Wirklichkeitsgestaltung, die Sprache und die Wirkungsabsicht. Aus Gründen des Umfangs, wird im nachfolgenden Text nicht auf die Sprache eingegangen und nur am Rande auf die Wirkungsabsicht.
Die Hauptfigur ist in der traditionellen Literatur eine feste Figur. Das bedeutet, ihr Charakter ist psychologisch kohärent, dauerhaft und einheitlich. Auch wenn sie im Lauf der Handlung eine Entwicklung durchmacht, verändert sich ihr wesentlicher Charakterkern nicht. In der modernen Literatur wird die Identität der Hauptfigur fragwürdig und sie hat keinen festen Charakter mehr. Die Figur handelt widersprüchlich, scheint unbeständig und ist triebgesteuert. Sie wirkt oft fremdgesteuert durch ihr Milieu, also durch die Gesellschaft, Triebe, Krankheiten usw. Diese Form der Figurengestaltung bewirkt, dass sich der Lesende nicht mit der Figur identifizieren kann, und führt zu einer Distanzierung vom Text. Der Erzähler ist in der traditionellen Literatur eine verlässliche Instanz, der man glauben kann und der das Geschehen ordnet, um ein stimmiges Gesamtbild zu vermitteln. Er ist so eine klare Orientierung für die Lesenden. Häufig tritt entweder ein personaler Erzähler mit klarer Perspektive oder ein auktorialer, allwissender Erzähler auf. In der modernen Literatur verliert der Erzähler seine Verlässlichkeit. Es herrscht kein fester Erzählstandpunkt vor, weshalb oft ein subjektiver Ich-Erzähler verwendet wird, aus dessen Sicht wir die Geschichte wahrnehmen. Er erzählt seine Sicht der Dinge, die aber nicht der Wirklichkeit entsprechen muss. Die Wirklichkeit ist in der traditionellen Literatur so aufgebaut, dass sie im weitesten Sinne die echte Wirklichkeit abbildet. Es herrscht Wirklichkeitskohärenz vor, das bedeutet, die Welt hat eine logische Abfolge von Handlungen und ein zeitliches Nacheinander. Auch fiktionale Welten sind in sich geschlossen. In der Moderne wird diese Wirklichkeitskohärenz zunehmend aufgelöst, aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen (z. B. Relativitätstheorie), Psychoanalyse und dem Zweifel an klarer Zurechnungsfähigkeit des Menschen. Diese Erkenntnisse führten dann zur Wirklichkeitsauflösung, was bedeutet, dass es keine kohärente, einheitliche Wirklichkeit mehr gibt. Statt eines einheitlichen Gesamtbildes wird jetzt eine Reihung von Einzelbildern gezeigt. Dadurch wird die Erzählung bewusst als Konstruktion gezeigt, damit der Leser die Geschichte distanziert und kritisch betrachten kann. (Markus Beutler 2024)
«Ein Doppelgänger» als moderne Erzählung
Wie bereits erwähnt haben wir die Novelle «Ein Doppelgänger» von Theodor Storm als Beispiel für traditionelle Literatur gelesen und die zuvor beschriebenen Strukturelemente untersucht. Vor diesem Hintergrund stellte ich mir die Frage, ob «Ein Doppelgänger» auch als moderne Erzählung funktionieren könnte und wie eine solche Umsetzung aussehen könnte. Die Novelle ist aufgebaut durch eine Rahmenerzählung, in der ein Reisender rückblickend von seiner Begegnung mit einem Oberförster und dessen Frau berichtet. Diese stammt aus demselben Ort wie der Erzähler und ist durch ein traumatisches Erlebnis aus ihrer Kindheit geprägt. Innerhalb dieses Rahmens ist die Geschichte durch eine Binnenerzählung aufgebaut. Hier wird der vorige Ich-Erzähler zum allwissenden Erzähler. Er erzählt darin die Geschichte der Frau des Oberförsters, Christine, und deren Vater, John Hansen.
In einer modernen Geschichte würde die Geschichte aus einer stark eingeschränkten personalen Perspektive erzählt werden. Es dürften also nur Szenen vorkommen, in denen der erlebende Erzähler selbst dabei ist, damit die Geschichte fragmentarisch erscheint. Damit würde aber das Konzept mit der Rahmen- und Binnenerzählung nicht mehr gut funktionieren. Denn der Erzähler selbst war in der Binnenerzählung gar nicht dabei. Er konnte also viele Dinge, die zwischen John Hansen, seiner Frau Hanna und Christine geschahen, gar nicht wissen. Er verklärt hier poetisch, erfindet also sinnhaft Dinge dazu, um ein stimmiges Bild zu vermitteln, wie die Situation gewesen sein muss. Dies würde also nicht mehr funktionieren, da man nur Szenen aus der subjektiven personalen Perspektive erzählen könnte. Eine Verlagerung der Erzählperspektive auf John Hansen selbst würde neue Probleme schaffen. Denn die Rahmengeschichte, rund um Christines Auseinandersetzung mit ihrer Kindheit, könnte nicht mehr stattfinden. Zudem müsste sich in einer modernen Erzählung die Identität der Figur John Hansen grundlegend verändern. In der Erzählung ist John Hansen zwar ein Straftäter und gewalttätig, aber im Kern ist er ein guter Mensch, der alles tut, damit sein Kind überlebt. Der Autor will uns damit zeigen, dass der Haupttreiber von häuslicher Gewalt nicht das Böse im Menschen ist, sondern die soziale Armut und die dadurch entstehende Perspektivlosigkeit. Auch wurde John durch das Zuchthaus zum Gewaltmenschen gemacht, weil er dort viel Leid erfahren hat. Der Autor will uns also hier auf wichtige gesellschaftliche Probleme hinweisen. Das würde dann auch in einer modernen Erzählung funktionieren, nur wäre das anders aufgebaut. John wäre keine in sich geschlossene Figur mehr. Er würde einen Identitätsverlust erleiden und sich auch im Kern verändern und würde vielleicht kein guter Mensch bleiben. Er wäre kein fester Charakter mehr, wäre widersprüchlich, triebgesteuert und in seinem Handeln und Charakter dem Milieu ausgeliefert und von diesem kontrolliert. In einer modernen Erzählung würde John Hansen also an den schlechten sozialen Umständen zerbrechen und sich eventuell nicht mehr gut um Christine kümmern. Es gäbe eventuell keinen glücklichen Ausgang für Christine, weil sich John fundamental verändern würde. Das würde dann dazu führen, dass sich der Leser nicht mit John identifizieren kann und somit eine Entfremdung erfahren würde. Auch würden Johns Handlungen nur fragmentarisch erzählt werden und es würde zu der im oberen Abschnitt erwähnten Wirklichkeitsauflösung kommen, wodurch der Leser den Text bewusst als Konstruktion wahrnehmen würde. Die Darstellung der häuslichen Gewalt wäre vermutlich subtiler und indirekter, da dies auch zur Wirklichkeitsauflösung und Verunsicherung beitragen würde. Durch diese Veränderungen der Strukturelemente müsste der Leser kritisch und reflektierend lesen, aktiv Sinn mitkonstruieren und selbst über die Botschaft der Erzählung nachdenken.
Abschliessend lässt sich sagen, dass «Ein Doppelgänger» nur bedingt als eine moderne Erzählung funktionieren könnte. Die zentralen Themen liessen sich natürlich auch in einer modernen Version thematisieren. Jedoch müsste man wesentliche Teile an der Geschichte auslassen und verändern, wie beispielsweise die Rahmenerzählung, wodurch man sich dann fragen würde, ob das überhaupt noch die gleiche Erzählung ist.
Theorieblatt Literarische Moderne, Markus Beutler 2024